
Russland – Moskau Nur Moskau lebt In Russland sagen die Leute, dass nur Moskau und St. Petersburg leben und der Rest des Landes vor sich hin dämmert. Recht haben sie. Schon am neuen Moskauer Flughafen Domodedowo sehe ich, dass ich in einer anderen Welt gelandet bin. Leuchtbanner und Reklametafeln weisen den Weg in die Stadt. Ich fahre an Kinos, Theater, Restaurants aller Herren Länder, frisch renovierten Kathedralen und Herrenhäusern vorbei, sehe Prada-, Gucci- und Boss-Boutiquen und muss an die schmutzigen Lehmwege der kleinen Stadt Slawgorod denken, von der ich gerade komme. Wo viele noch das Wasser vom Hydranten in der Straße holen. In Moskau sitze ich in der Sushi-Bar und sehe blitzsaubere Boulevards. Auf den Straßen gut gekleidete Menschen, die lächelnd in die Zukunft blicken. Zu einer Reise in die Provinzen Russlands, zu den vielen Menschen, die sich reihenweise dem Suff hingeben, weil die Kolchosen dicht machen und sie ihre Arbeiten verlieren, lädt Russlands Präsident seine politischen Freunde nicht ein. Russland ist reich, doch es verteilt seinen Reichtum nicht gerecht. "Putin ist der Präsident Moskaus, nicht Russlands", sagen die Menschen in Slawgorod und zucken mit den Schultern. In Russland herrscht wieder Zarenzeit. Wie die früheren Machthaber in den goldenen Palästen St. Petersburgs, denkt auch der Kreml nicht an seine in Armut lebenden Bauern. Es gibt nur einen Unterschied. Das Fernsehen, zu Sowjetzeiten zum wichtigsten Medium mit flächendeckender Reichweite gemacht, zeigt den Bauern jeden Abend: Nur Moskau lebt. Und ich mittendrin.
Tobias Zihn, Medienassistent in Moskau Mai 2006 
Einrichtung
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