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POSITIONEN Hochschule und Sprachpolitik Von Ulrich Ammon
Manche deutsche Philosophen gestehen, dass sie deutsche philosophische Texte bisweilen besser verstehen, wenn sie sie auch auf Englisch lesen. Die in den Vereinigten Staaten tätigen deutschen Wissenschaftler gewinnen mehr Nobelpreise als ihre in Deutschland arbeitenden Kollegen: Forschungsfreundliche Arbeitsbedingungen wiegen offenbar die Schwierigkeiten des Arbeitens in einer Zweitsprache auf. Früher haben viele ausländische Wissenschaftler auf Deutsch veröffentlicht, etwa die Russen Ilja Metschnikow, Medizinnobelpreisträger, und Iwan Pawlow, Begründer des Behaviorismus. Beide forschten und veröffentlichten in einer Fremdsprache, und doch war ihr Denken weder unklar noch unergiebig. Isaac Newton, Gottfried Wilhelm Leibniz und andere große Denker verfassten Werke von genialer gedanklicher Klarheit in einer Fremdsprache, sei es auf Lateinisch oder auf Französisch. Wer in einer Fremdsprache schreibt oder liest, kann dennoch in seiner Muttersprache mitdenken. In der Sprache der Linguistik: Bei "zusammengesetzter" Mehrsprachigkeit, also bei geringer Beherrschung der Fremdsprache, denken die Menschen hauptsächlich in der Erst- oder Muttersprache und übersetzen in die Zweit- oder Fremdsprache. Bei "koordinierter" Mehrsprachigkeit hingegen – und damit einer gründlichen Beherrschung der Zweitsprache – denken sie unmittelbar in der Zweitsprache. Die Erstsprache steht aber weiter als Hilfsmittel des Denkens zur Verfügung; Defizite des einen Sprachsystems können durch Rückgriff auf das andere ausgeglichen werden. Die "koordinierte Zweisprachigkeit" gelingt eher bei nur einer als bei mehreren internationalen Wissenschaftssprachen; einem pidgin-ähnlichen Sprachniveau wird so, entgegen manch wohlfeilem Lamento, gerade entgegengewirkt. Sprachdefizite und übergroßer Lernaufwand drohten eher in früheren Zeiten, als noch mehrere internationale Wissenschaftssprachen miteinander konkurrierten (Deutsch, Französisch, Englisch). Heute benutzen die Vertreter "kleinerer" Sprachen in der Regel zwei Sprachen: ihre Muttersprache für die interne und Englisch für die externe Kommunikation. In diese Richtung entwickelt sich auch das Sprachrepertoire von Wissenschaftlern, deren Muttersprache weiter verbreitet ist. Nicht nur deutsche Wissenschaftler, auch Vertreter so sprachstolzer Nationen wie Frankreich arbeiten und publizieren heute auf Englisch. Dabei bedürfen Naturwissenschaftler weniger nuancierter Englischkenntnisse als Geisteswissenschaftler, weil sie sich bei ihrer Arbeit ohnehin im Wesentlichen einer internationalen Formalsprache bedienen; von Pidgin-Englisch zu reden ist allerdings auch hier unsinnig. Geisteswissenschaftliche Texte machen dagegen in vollem Umfang Gebrauch von dem, was die Linguisten als "Gemeinsprache" bezeichnen. Unzureichende Sprachkenntnisse der Verfasser wirken auf die Rezipienten wie gedankliche Unklarheiten. Hinzu kommen diffizile stilistische und textsortenspezifische Normen, die sich kaum vom gedanklich klaren Ausdruck unterscheiden lassen. Texte von Fremdsprachlern haben hier oft Defizite. In den Geisteswissenschaften bremsen neben anderen Faktoren die hohen Sprachanforderungen den Wechsel zum Englischen und konservieren die stärkere Bedeutung anderer Sprachen, auch des Deutschen. Es erleichtert den weltweiten Gedankenaustausch, wenn es eine einzige Lingua franca in der Wissenschaft gibt. Die Sprachwissenschaftler Eugene Garfield und Alfred Welljams-Dorof haben nachgewiesen, dass Publikationen auf Englisch, auch in Deutschland, öfter zitiert werden als Publikationen in der eigenen Sprache. Gewiss schafft die Dominanz des Englischen als Wissenschaftssprache Probleme. Sie jedoch durch Verzicht auf Englisch lösen zu wollen, hätte die Isolierung von der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft und den Weg ins wissenschaftliche Abseits zur Folge. Der Gebrauch des Englischen nötigt nicht zum Verzicht auf Deutsch als Wissenschaftssprache. Ohnehin bedarf es zur Kommunikation mit Laien der Rückübersetzung in eine fachlich popularisierte Form der Muttersprache. Auch um den Eindruck vom abgeschotteten Elfenbeinturm nicht noch zu verstärken, sollte Deutsch an deutschen Hochschulen soweit wie möglich erhalten bleiben. Die Verdrängung des Deutschen als internationaler Wissenschaftssprache, die sich seit Ende des Ersten Weltkrieges schleichend und in den letzten Jahrzehnten rapide vollzogen hat, bedeutet einen Prestigeverlust für die deutsche Sprache. Diejenigen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, gehören indes zu den wichtigsten Mittlern von Kontakten zum Ausland und Multiplikatoren eines positiven Deutschlandbildes. Wie das Beispiel Chinas zeigt, ist der Wunsch, an einer deutschen Hochschule zu studieren, ein wichtiges Motiv dafür, Deutsch zu lernen. Auch in den neuen internationalen Studiengängen sollte daher Deutsch eine wesentliche Funktion behalten. Andernfalls wird den Abteilungen, die Deutsch als Fremdsprache im Ausland lehren, das Wasser abgegraben – mit schwer wiegenden Folgen für Deutschland und die deutsche Sprachgemeinschaft insgesamt.
ZfK 1/2004 Zur Person |