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PERSONEN Im Netz der Europäischen Identität In diesem Jahr feiert die Deutsche Welle (DW) ihren 50. Geburtstag. Viele Änderungen stehen im Jubiläumsjahr an: In einer Gesetzesnovelle zum deutschen Auslandsfunk sollen der Programmauftrag neu formuliert und erstmals prioritäre Zielregionen festgelegt werden. Mit Erik Bettermann, seit 2001 Intendant des Senders, sprach die Zeitschrift für KulturAustausch über die Zukunft des Senders im zusammenwachsenden Europa, das Engagement der Deutschen Welle in Krisenregionen und die Probleme des Auslandsfernsehens. Zeitschrift für KulturAustausch: 50 Jahre Deutsche Welle – normalerweise ein Anlass, um zurückzuschauen. Wenn Sie den Blick nach vorne richten: Wird es die DW in 50 Jahren noch geben, oder ist sie dann einem gemeinsamen europäischen Auslandssender gewichen? Erik Bettermann: Wenn Sie mich als einen glühenden Europäer fragen, dann würde ich mir wünschen, dass es in 50 Jahren einen gemeinsamen europäischen Medienauftritt gibt. Natürlich wird in der Europäischen Union im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika die kulturelle Vielfalt der Mitgliedsstaaten stets erhalten bleiben. Ich kann mir aber vorstellen, dass neben der stärkeren technischen Kooperation auch redaktionell zusammengearbeitet wird. Innerhalb der EU gibt es ja zur Zeit eine Debatte um eine europäische Verfassung. Bisher hat die EU-Kommission in kulturellen Fragen nur eine sehr beschränkte Kompetenz – eigentlich gar keine. Das ist bedauerlich, weil Kultur und Medien eigentlich eine europäische Aufgabe sind. KulturAustausch: Die DW schreibt sich das Engagement für Europa auf die Fahne. Sie bezeichnen Radio France Internationale (RFI) und die DW als ein "Duo für Europa". Was meinen Sie damit? Bettermann: Der Slogan der DW lautet: "Aus der Mitte Europas". Dieses Motto bezieht sich nicht nur auf die geografische Lage, sondern beinhaltet auch, dass die deutschen Dichter und Denker von der zentralen Lage Deutschlands innerhalb von Europa profitiert haben. Teile unserer Geistesgeschichte sind nur im europäischen Kontext verstehbar. In Europa sollte man deshalb nicht noch weitere 50 Jahre abwarten, bis bilaterale, trilaterale oder multilaterale Netze aufgebaut werden. Die europäische Identität muss gleichsam aus einem Netz bestehen. Das darf aber kein Spinnennetz sein, in dem eine dicke Spinne sitzt, auf die alles zentriert ist, sondern eher so etwas wie ein Fischernetz, das gleich starke Stränge hat. KulturAustausch: Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit zwischen beiden Sendern aus? Bettermann: Die Zusammenarbeit zwischen RFI und DW zeigt sich etwa im Programmaustausch oder beim europäischen Hörfunk-Angebot "Radio E". Dabei handelt es sich um eine von DW und RFI zusammen mit BBC und Radio Nederland ins Leben gerufene Kooperation europäischer Auslandssender, innerhalb derer wir Themen wie etwa "Gewalt in der Schule" aus der Perspektive verschiedener Länder beleuchten können. Das zeigt: Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich muss kein "Duo pour l'Europe" bleiben, ich kann mir genauso gut ein "Trio pour l'Europe" vorstellen, unter dem Stichwort "Weimarer Dreieck" etwa. Wenn Polen nächstes Jahr Mitglied der EU ist, wäre es denkbar, die Zusammenarbeit zu vertiefen. Wir haben bereits eine polnische Redaktion und einen bilateralen Programmaustausch. KulturAustausch: Ist Deutschland ein "Antreiber" für diese Entwicklung? Bettermann: Ich finde, dass Deutschland diese Rolle übernehmen sollte. Natürlich in Kooperation mit anderen Staaten und ohne die Leistung von Deutschland und Frankreich zu überschätzen und ohne die anderen hintanzustellen. Für die Annäherung der europäischen Staaten waren und sind Frankreich und Deutschland jedoch entscheidend. Ich selbst gehöre ja einer Generation an, die Ende der fünfziger Jahre noch Schlagbäume an der deutsch-luxemburgischen Grenze durchgesägt hat. Wenn Sie mir damals gesagt hätten, dass wir eines Tages einen europäischen Pass haben werden, hätte ich das nicht geglaubt. KulturAustausch: Noch in diesem Jahr will die zuständige Staatsministerin Christina Weiss eine Gesetzesnovelle zum deutschen Auslandsfunk vorlegen. Was sind Ihre Erwartungen? Bettermann: Ich erwarte, dass die Novellierung im Herbst in Bundestag und Bundesrat beraten wird. KulturAustausch: Und inhaltlich? Wo erwarten Sie vom Gesetzgeber Änderungen im Programmauftrag? Bettermann: Aus meiner Sicht gibt es zwei Stellen, an denen die Reform ansetzen muss. Das betrifft zum einen die bisherige Definition des Programmauftrags. "Ein umfassendes Bild von Deutschland zu vermitteln" ist mir im europäischen Sinne zu eng. Die Schaffung einer multilateralen, globalen Zivilgesellschaft sollte als neues Ziel formuliert werden. Zum anderen erhoffe ich mir von der Reform eine Finanzgarantie für die DW. Dabei geht es mir zunächst gar nicht um die Höhe des Zuschusses, den wir aus dem Bundeshaushalt bekommen. Ich möchte eine Planungssicherheit für mindestens vier Jahre, bisher ist diese auf ein Jahr beschränkt. KulturAustausch: Was würde sich durch den neuen Programmauftrag ändern? Bettermann: Wir hätten dann die Möglichkeit, unser Programm stärker zu regionalisieren. Dazu gehört, in zielgebietsorientierten Sendesprachen "aus der Region für die Region" zu produzieren. Nicht jeder fein ziselierte Beitrag, wie wir ihn aus den nationalen Medien kennen, ist für denjenigen interessant, der uns in Tansania hört. Sondern der will auch Informationen aus seiner Region hören. Natürlich machen wir Beiträge aus deutscher Sicht, denn wir bleiben ja ein deutscher Sender. KulturAustausch: Übernehmen Sie die Zielregionen des Auswärtigen Amtes oder haben Sie Ihre eigenen Kriterien? Bettermann: Die Zielregionen bestimmt nicht der deutsche Außenminister alleine, und wir sind natürlich nicht die PR-Abteilung des Auswärtigen Amtes. Gleichwohl sind die Deutschen Botschaften ein wichtiger Informationsträger, und wir werden unsere Schwerpunkte gemeinsam mit dem Bund festlegen. Zum einen inhaltlich. Das Interesse an Deutschland konzentriert sich auf zwei Hauptaspekte – oder sagen wir: zweieinhalb. Neben dem Wirtschaftsland und dem Kulturland wird Deutschland auch als Fußballland wahrgenommen. Zum anderen regional. Unser Schwerpunkt liegt natürlich auf Europa, nicht nur auf den Ländern der EU, sondern auch auf den übrigen Ländern Mittel- und Osteuropas. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass sich die Mehrzahl der Bundesbürger für ein Engagement in der islamischen Welt aussprechen würde – und das ist nicht nur die arabische Welt. KulturAustausch: Krisengebiet Naher Osten – an wen richtet die DW ihr Programm dort? Bettermann: Selbst wenn Sie die aktuelle Situation im Irak außer Acht lassen, ist der Nahe Osten insgesamt eine Krisenregion, die zudem direkt vor unserer Haustür liegt. Zur Zeit prüfen wir, ob wir nicht zusätzlich zu unserem Kurzwellenauftritt in arabischer Sprache eine Mittelwellenfrequenz auf Zypern bekommen, um den Nahen Osten mit einer anderen technischen Qualität zu bestrahlen. Warum? Wenn unsere Zielgruppe Multiplikatoren sind, dann sind das ja nicht unbedingt die, die gerade an der Macht sind. Das ist auch die kommende Generation. Nehmen wir etwa die Studenten an der Universität in Kairo. Denen müssen Sie das besondere Verhalten der Bundesregierung gegenüber dem Staat Israel erklären. KulturAustausch: Bei einer Konferenz im Auswärtigen Amt wurde das Verhältnis von Außenpolitik und Krisenberichterstattung thematisiert. Lässt sich die DW von der beklagten "Tyrannei" der Live-Berichterstattung anstecken? Bettermann: Man kann heute manchmal das Gefühl haben, dass einige Sender dieser Welt die Kamera am liebsten auf der Rakete installieren würden. Das ist nicht mein journalistisches Ethos und das soll auch nicht das der DW sein. Wir sind keine Kriegsberichterstatter. Nicht die Nähe zu einem kriegerischen Geschehen ist für mich entscheidend, sondern die Auswirkungen auf die Bevölkerung und auf die ganze Region. Ich appelliere an alle Journalisten, die Quellen und Bilder, die sie verwenden, genau zu überprüfen. Schnelligkeit geht nicht vor Objektivität. Ich achte darauf, dass das in meinem Haus keine hohlen Worte bleiben. KulturAustausch: Die Rolle von DW-Radio ist unumstritten. DW-TV dagegen hat den Ruf, vor allem ein "Heimatfernsehen" für Deutsche in teuren ausländischen Hotels zu sein. Nur ein böses Vorurteil? Bettermann: Mit unserem Fernsehprogramm haben wir in der Tat ein Problem: Wir haben eine sehr heterogene Zielgruppe. Da sind zum einen die kurzfristig im Ausland lebenden Deutschen. Mit unserem Pay-TV-Kanal "German TV", der aus Beiträgen von ARD, ZDF und DW-TV gespeist wird, möchte ich langfristig diese Zielgruppe weltweit bedienen. In German TV, wenn Sie den jetzt als "Heimatsender" bezeichnen wollen, senden wir etwa zu gleichen Teilen Entertainment und Informationssendungen, neben Nachrichten auch Talkshows – von Christiansen bis Kerner. Das Programm richtet sich insbesondere an im Ausland lebende Deutsche oder Ausländer mit guten Deutschkenntnissen. Die andere Zielgruppe sind Ausländer, die an Deutschland interessiert sind. Sie brauchen grundsätzlichere Informationen über Deutschland, die wir über DW-TV auf Deutsch, Englisch und Spanisch ausstrahlen. Langfristig möchte ich DW-TV stärker regionalisieren. Das sehe ich auch als eine Art von Entwicklungshilfe an, so wie wir das zur Zeit in Afghanistan tun: Wir produzieren das Dari-Paschtu-Programmfenster von DW-TV in Berlin und schicken es per Satellit nach Kabul. Dort wird es terrestrisch ausgestrahlt, weil die Mehrzahl der afghanischen Bevölkerung keine digitale Satellitenschüssel auf dem Dach hat. Solche Programme müssen nicht immer fürchterlich viel Geld kosten: Ich könnte mir statt kompletter Übersetzung eine Untertitelung oder einen zweiten Tonkanal vorstellen. KulturAustausch: Müssen Sie warten, bis das neue Gesetz vorliegt, damit Sie diese Ausdifferenzierung realisieren können? Bettermann: Nein, das Gesetz soll das nicht in allen Einzelheiten festlegen. Ich möchte nur, dass wir uns im Grundsatz über die regionalen Schwerpunkte einigen. Der Intendant der DW ist nicht für die Außenpolitik verantwortlich. Deshalb suche ich den Dialog mit dem Deutschen Bundestag. In der Frage unseres medialen Auftritts im Ausland sollte es keine Parteidifferenzen geben. Daher wünsche ich mir für die Gesetzesnovelle ein möglichst einstimmiges Ergebnis. KulturAustausch: Die Finanzierung von "German TV" ist nur bis 2005 gesichert. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass es sich dann selbst finanziert? Bettermann: Schwer zu sagen. Aber in den USA sind wir auf dem richtigen Weg. Das ist der weltweit am härtesten umkämpfte Medienmarkt, und wir behaupten uns dort seit knapp einem Jahr. Von den rund 5000 Kunden ist bisher noch keiner abgesprungen. Das ist eine gute Grundlage. KulturAustausch: Optimisten sprechen davon, dass man in den USA etwa eine Million Deutschsprechende erreichen könnte. Wie wollen Sie das schaffen? Bettermann: Diese Frage stellen wir uns auch. Sicher nicht mit Anzeigenkampagnen nach dem Motto: "Listen merry old Germany". Außerdem sind wir bisher in den USA nur über Satellit zu empfangen – 70 bis 80 Prozent der US-Amerikaner empfangen aber ihre Sender über Kabel. Deshalb stehen wir derzeit in Verhandlungen mit den großen amerikanischen Kabelgesellschaften. Langfristig müssen wir die deutschen Netze in den USA aktivieren, seien es die deutschen Firmen, die deutschen Kulturinstitute, Klubs oder Kirchen. KulturAustausch: Wie läuft die Kooperation zwischen der DW und anderen deutschen Mittlerorganisationen im Ausland? Zieht man verstärkt an einem Strang, oder kocht jeder sein eigenes Süppchen? Bettermann: Ich möchte ein ganz neues Verhältnis zu den deutschen Mittlerorganisationen aufbauen. Mit den Goethe-Instituten etwa wollen wir einen Kooperationsvertrag abschließen. In der Praxis könnte das so aussehen: Die DW sendet Einführungskurse in die deutsche Sprache, aber das kann natürlich immer nur ein "Appetizer" sein. Im Grunde muss man die Lernenden dann auf ein Goethe-Institut vor Ort verweisen können. Oder umgekehrt: Ich möchte beim Radio eine Hörer-Sender-Bindung erzeugen, aber der Rezipient kann nicht unmittelbar mit mir in Dialog treten. Dann würde ich es begrüßen, wenn es eines Tages möglich wäre, dass die Goethe-Institute Anlaufstellen für DW-Hörer sein könnten. Langfristig möchte ich mit verschiedenen deutschen Mittlerorganisationen derartige Kooperationsmodelle erarbeiten. KulturAustausch: Ab Mitte diesen Jahres strahlt DW-Radio Sendungen in digitaler Kurzwelle aus. Wie soll die Umstellung vonstatten gehen – wird die analoge Kurzwelle abgeschafft und ist der Empfang in ärmeren Ländern dann noch zu gewährleisten? Bettermann: Ich setze verstärkt auf die Digitalisierung der Kurzwelle, das "Digital Radio Mondial" (DRM). Die DRM-Kurzwelle wird eine Renaissance des Hörfunks hervorrufen, da mit dieser Kurzwelle praktisch in UKW-Qualität gesendet werden kann. Das Problem ist, dass jeder Hörer sich einen neuen Weltempfänger kaufen muss. Da wird sich zeigen, wie teuer die Industrie dieses Radio macht. Es wird natürlich eine Weile dauern, bis weltweit auf die digitale Kurzwelle umgeschaltet wird. Ich denke, dass die Marktdurchdringung 10 bis 15 Jahre dauern wird. Zunächst werden wir auf zwei unterschiedlichen Frequenzen parallel senden. Langfristig jedoch wird die analoge Kurzwelle überflüssig. Die Qualität von DRM ist so gut, dass sie ohne weiteres die 9. Sinfonie von Beethoven in bester Qualität empfangen könnten. KulturAustausch: 50 Jahre Deutsche Welle – was wünschen Sie der DW zum Jubiläum? Bettermann: Ich wünsche der DW, dass sie zukünftig im Bewusstsein der Deutschen ähnlich verankert ist wie BBC-World in Großbritannien. Bisher muss man noch froh sein, wenn die Abgeordneten den Sender überhaupt kennen. Das Interview führten Sebastian Körber und Christine Müller.
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