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Rechtschreibreform aus Sicht des Auslands
Schafft eine, zwei, viele Rechtschreibungen!

Von Tim Cole

Tim Cole

Der amerikanische Autor Mark Twain beschrieb seinen Lesern einmal die deutsche Sprache als ein linguistisches Schreckgespenst, nämlich als "the awful German language". Würde er heute noch, im Zeitalter der Rechtschreibreform, leben, dann würde er sicher ebenso lustvoll über "the awful German right-write reform" lästern.

Aus Sicht eines Mitglieds der angelsächsischen Sprachfamilie kann man ja auch nur den Kopf schütteln darüber, wieviel Aufmerksamkeit die Deutschen heute einem Thema widmen, das im Grunde gar keines ist. Rechtschreibung ist keine staatliche Hoheitsaufgabe, sondern ein evolutorischer Prozess. Er lässt sich nicht vorschreiben, und der Versuch, es dennoch zu tun, entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik.

Als in Deutschland lebender Amerikaner frage ich mich zuallererst einmal: Warum sollen alle überhaupt gleich schreiben? Sollen vielleicht alle gleich sprechen? Wieso feiern die Deutschen einerseits die Vielfalt ihrer regionalen Sprachfärbungen, mühen sich um aussterbende Dialekte, versuchen sich aber andererseits krampfhaft in ein Korsett einheitlicher Schreibweisen zu zwingen? Haben die Deutschen denn keine anderen Sorgen? Werden die Systeme der deutschen Wirtschaft, Politik oder Bildung deshalb reibungsloser funktionieren, weil alle gleich recht-schreiben? Wird das Nettoeinkommen um einen Tick ansteigen, nur weil alle im Chor "Nessessär" buchstabieren? Was für einen Standortvorteil soll die gräuliche, Verzeihung, die greuliche Schreibweise "Geografie" bringen? Verschaffen wir der deutschen Exportwirtschaft mit drei gleichen Konsonanten in Folge wie in "Schifffahrt" einen stärkeren Auftrieb? Ist die Schreibweise von "existenziell" wirklich existentiell?

Der größte und mit Abstand mächtigste Wirtschaftsraum der Welt macht es vor, wie man sich trotz verschiedener Schreibweisen immer noch bestens verstehen und miteinander umgehen kann. Der Brite schreibt "colour" oder "flavour" und trägt es mit "humour", dass sein amerikanischer Kollege bei solchen Begriffen das "u" weglässt. Der Kanadier hingegen steckt irgendwo dazwischen und schreibt einfach so, wie ihm der Schnabel, respektive die Feder gewachsen ist. Nicht umsonst kennt die Rechtschreibekorrektur des Textprogramms "Word" nicht weniger als 14 verschiedene Einstellungen für regionale Ausprägungen des Englischen von "Australien" bis "Zimbabwe". Angelsächsische Stilführer raten, sich für die eine oder die andere Form zu entscheiden und dabei zu bleiben: "Be consistent!", sagt die Englischlehrerin zu ihren Schülern – nicht: "Be right!" Das letzte Wort in Sachen Rechtschreibung behält sich in Großbritannien das "Oxford Dictionary" vor. In den Vereinigten Staaten hingegen buhlen gleich drei Bewerber um die Gunst des Publikums: Neben dem ehrwürdigen, 1806 erstmals erschienenen "Webster's Dictionary" gelten die gedruckten Wälzer von Random House und American Heritage als stilprägend. Computerfans dagegen schwören immer häufiger auf einen Newcomer, das volldigitale "Encarta World English Dictionary", das 1999 ausgerechnet von den häufig als Halbautisten verschrieenen Softwareschreibern von Microsoft auf den Markt geworfen wurde. Man stelle sich vor, SAP würde plötzlich dem Dudenverlag Konkurrenz machen...

In Großbritannien und den Vereinigten Staaten hat jede bessere Tageszeitung ihren nur nach innen verbindlichen "Style Guide". Am Stilführer der "New York Times" orientiert sich in den USA allerdings nur eine Minderheit der Gazetten, die meisten folgen den orthographischen und grammatikalischen Vorgaben des "Associated Press Style Guide". Daneben gibt es spezielle Stil- und Rechtschreibführer für einzelne Sparten und akademische Vereinigungen, von ganz neuen, medienspezifischen Nachschlagewerken wie dem "Web Content Style Guide" ganz zu schweigen.

Wenn also "Süddeutsche", Springer-Verlag und "Spiegel" zur alten Rechtschreibung zurückkehren, während "Focus" und "taz" auf der neuen beharren, dann ist das keine orthographische Anarchie, sondern gut so! Warum nicht eine Rechtschreibung für die "Süddeutsche", eine andere für den "Südkurier"? Wer angesichts solcher scheinbar chaotischen Schreibverhältnisse immer noch auf eine inhärente Überlegenheit der zur Einheit strebenden deutschen Rechthaber und -schreiber pocht, verkennt die Realität. Ja, es sei die These gewagt: Gerade die Flexibilität der englischen Rechtschreibung trägt zur kreativen Vitalität dieses Sprachraums auf anderen Gebieten bei. Wirtschaftskraft und Kulturleistung haben also nichts mit einheitlicher Rechtschreibung zu tun, im Gegenteil: Die engstirnige Forderung nach Vereinheitlichung, nach von oben durch Kultusministererlass verordnetem Zwang zur Richtigschreibung ist leider eine typisch deutsche Untugend. Weg damit! Lasst die Leute schreiben, wie sie es für richtig halten. Reduziert die Zahl der Regeln auf ein Minimum. Handhabt sie mit Gefühl und Großzügigkeit. Beschränkt die vereinheitlichte Rechtschreibung auf Biotope wie Behörden, und schafft eine, zwei, viele Rechtschreibungen, die in sich nur konsistent sein müssen, nicht richtig.

Deutsche haben der Welt einige der größten Zeugnisse von schriftlicher Sprachkultur gegeben, und sie haben es meist ohne eine besonders einheitliche Orthographie geschafft. Ob Goethe oder Grass – die deutsche Sprache ist am schönsten, wenn sie kreativ und frei gehandhabt wird. Überreguliert ist sie ein Gräuel (oder meinetwegen auch ein Greuel).


© Zeitschrift für KulturAustausch 3/2004

 

KulturAustausch 3/2004

ZfK 3/2004
Die heimlichen Herrscher. Politik mit nationalen Bildern und Stereotypen

Zur Person
Tim Cole ist Publizist, u. a. für die Süddeutsche Zeitung.

 

 
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