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MAGAZIN

Biedermeierisierung statt New Generation

Literatur

Die deutsche Literatur hat seit Jahren so gut wie keinen internationalen Bestseller mehr gelandet und zehrt von ihren Klassikern. Süskind und Schlink sind eher die Ausnahme als die Regel. Ruht man sich auf den Lorbeeren von Böll und Grass aus? Fehlt dem literarischen Nachwuchs das Zeug zum großen Wurf oder den Verlagslektoren das richtige Gespür? Ein Blick aus dem Ausland.

Von Nenand Popovic

Vor etwa fünfzehn Jahren sprach ich beim Cocktail nach einer Veranstaltung des Zagreber Goethe-Instituts mit der Frau des deutschen Generalkonsuls, einer äußerst bildungsbeflissenen Dame. Als sie herausgefunden hatte, dass ich Verlagslektor bin, vertraute sie mir eine frustrierende Erfahrung an. Jahrelang in verschiedensten Weltgegenden lebend, habe sie sich immer wieder Literatursendungen deutscher Rundfunkstationen angehört, etwa der Deutschen Welle. Oft waren die Besprechungen von Literaturkritikern so eindringlich vorgetragen, dass sie sich die Titel notiert und später bestellt hat. Als die Bücher dann aus Deutschland ankamen, stellten sich Enttäuschung und Unverständnis ein. Sie waren gar nicht so interessant und hatten in den Augen der Diplomatin mit den Besprechungen wenig zu tun. Sie fühlte sich verprellt. So habe sie längst aufgehört, sich Neuerscheinungen zu beschaffen. Die Dame fragte mich, wie ich das denn mache, an gute Titel heranzukommen.

Ganz gewiss habe ich der sympathischen deutschen Repräsentantin nicht die ganze Wahrheit gesagt. Nämlich, dass es mir genauso geht wie ihr. Dass man, um sich ein Bild zu machen, erst einmal die Feuilletons der großen deutschsprachigen Blätter regelmäßig studieren muss, und zwar sowohl einzeln als auch miteinander vergleichend: die "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die "Frankfurter Rundschau", die "Neue Zürcher Zeitung", "Die Zeit", den "Spiegel" sowie die "Taz". Und das ist nicht alles. Um herauszufinden, welche Neuerscheinungen und Autoren man im Auge behalten sollte, empfiehlt sich bisweilen der Blick in das "Times Literary Supplement", "Le Monde des Livres" und die "Review of Books" des "New Yorker". Sie haben den Blick von außen und können Professionellen als wichtiges Korrektiv dienen.

Hingegen produziert das deutsche Feuilleton täglich und wöchentlich eine so große Menge an Bewertungen und Informationen, dass es für jemanden, der sich im Ausland vor die Aufgabe gestellt sieht, einem Verlag ein, zwei Titel jährlich zur Übersetzung vorzuschlagen, letztendlich unbrauchbar wird. So viele und so begeisterte Besprechungen haben in Hinsicht auf den deutschen Buchmarkt und den Literaturbetrieb vielleicht einen Sinn. Im Ausland, fürchte ich, kann sich das ins Gegenteil verkehren. Welcher Verlagslektor im Ausland wird zum Beispiel im Ernst daran gehen, sich mit einem 700 Seiten starken Wälzer eines im deutschen Feuilleton vergötterten Autors eine Woche zu beschäftigen, um es dann seiner Verlagsleitung zur Übersetzung vorzuschlagen? Noch weniger tut das ein Verlagslektor, wenn er in einem der postkommunistischen Transitionsparadiese arbeitet. Und diese blühenden Landschaften beginnen an der Elbe und erstrecken sich bis Vladivostok, bzw. beginnen südlich von Wien und reichen bis nach Zentralasien. Menschen in den Transitionsländern lesen keine Romane, sondern rüsten sich für den nüchternen Überlebenskampf. Die spärlichen Mittel, die in einem Familienbudget für Bücher und Kultur übrig bleiben, werden nicht an erster Stelle für Romane, Essays oder Lyrik ausgegeben. Das idyllische Bild vom kulturbeflissenen und literaturliebenden Osteuropäer muss, wenigstens aus meiner Sicht – aus der eines südlich von Wien lebenden Menschen –, stark korrigiert werden. Wenn in Kultur, Bildung und Bücher investiert wird, dann in das, was dem Beruf und der Bewältigung des Alltags dient und den Kindern hilft, sich eine anständige Zukunft zu sichern. Wenn Bücher gekauft werden, dann vor allem Wörterbücher, Fachkompendien, Studienausgaben und importierte englische und amerikanische Bücher: die letzteren auch deswegen, weil sie billig sind, billiger zumeist als die einheimische Produktion.

Auf dem Rückzug

Ein wichtiger Faktor für die Rezeption der deutschen Literatur jenseits der Sprachgrenze ist die Tatsache, dass es seit gut zwei Jahrzehnten keinem Autor gelungen ist, ein wirklich weltweites, universelles Leseinteresse zu begründen. Ich spreche vom Format der wirklich großen Namen wie Gabriel Garcia Marquez, Umberto Eco, Salman Rushdie, Milan Kundera oder Susan Sontag. Doch nicht nur weltweit fehlt ein deutscher Name. Auch in europäischen Städten wie Stockholm, Prag, Amsterdam, Paris oder Rom ist es nicht anders. Dort regieren Namen wie Jorge Semprun, Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Antonio Tabucchi, Claudio Magris, Ryszard Kapuscinski oder Peter Nadas. Der einzige deutsche Autor, der von Buchhändlern als gleichberechtigt behandelt wird, ist Günter Grass. Aber, Hand aufs Herz, die Energie, die aus seinen Büchern strahlt, ist, wenigstens im Ausland, nicht mehr jene ergreifende seiner Bücher aus den sechziger Jahren, der "Blechtrommel", den "Hundejahren" und von "Katz und Maus". Im Ausland sehr ernsthaft besprochen und einigermaßen gut verkauft, bilden Grass' Bücher dennoch eben nur den Standard eines Klassikers einer Epoche, vergleichbar etwa mit Ingmar Bergmann. Der einzige zeitgenössische deutsche Name, der in den letzten zwei Jahrzehnten so nach außen gedrungen ist, dass jedes neue Buch von ihm übersetzt wird, ein Autor, "von dem man spricht", kommt aus dem essayistisch-philosophischen Bereich: Es ist Peter Sloterdijk.

Wann genau hat sich die deutsche Literatur aus der Arena der global rezipierten Autoren verabschiedet? Oder: Wann haben die deutschen Autoren sich der internationalen Literaturwelt ab- und eher dem deutschsprachigen Publikum zugewandt? Wird das Datum vom Tod Elias Canettis markiert, dessen Erinnerungsband "Die gerettete Zunge" ein nicht nur in Deutschland, sondern international beachteter Erfolg war? Ist es der Tod von Heinrich Böll, dessen Bücher aus der reifen Schaffenszeit wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" oder "Gruppenbild mit Dame" mit ihrer Kraft, ihren Verkaufszahlen und der allgemeinen Beachtung aus der Perspektive des Jahres 2002 wie Science Fiction anmuten?

Oder handelt es sich bei der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt um ein Generationsanliegen, das – erlauben Sie mir wieder eine Vergröberung – mit der Gruppe 47, dem Forum für literarische Diskussion und Kommunikation in 20 Jahren Nachkriegsdeutschland, zusammenfällt? Ich spreche vom Ableben der Großen wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Uwe Johnson oder Heinrich Böll. Die internationale Durchschlagskraft der Autoren und Bücher, die nach dem Abgang dieser Generation für die deutsche Literatur wichtig geworden sind, kann man mit diesem globalen Einfluss nicht mehr vergleichen.

Das Schwinden des großen Interesses an der deutschen Literatur der Gegenwart lässt sich am Fall Peter Handke am sinnfälligsten demonstrieren. Sein Frühwerk – das Stück "Kaspar" oder der Roman "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter"– machte ihn weltweit zu einem Kultautor. Irgendwann, ab Mitte der siebziger Jahre, begann Handke aber, nur noch innerhalb der deutschen Literatur und Sprache als ein zentraler Autor zu wachsen. Was die weltweite Rezeption seiner literarischen Texte angeht, rückte er immer weiter an den Rand und ist heute schließlich zur nostalgischen Erinnerung einer Generation geworden. Man kennt kaum noch seine Neuerscheinungen.

Einen ähnlichen Rückzug vollzog auch Botho Strauß. Mit seinen Prosawerken wie "Die Widmung", "Paare, Passanten" und "Rumor" begann er sich als weltweit wichtiger Autor vom Typus der "Writer's Writer" zu etablieren – um sich dann plötzlich zurückzuziehen. Wenn sie mich heute fragen würden, was er schreibt, wüsste ich das kaum zu sagen, obwohl ich in den achtziger Jahren ein Buch von ihm verlegt und alles Greifbare gelesen habe.

Es kommt einem so vor, als habe sich die deutsche Literatur immer mehr sich selbst zugewandt und schreibe heute einfach für sich. Möglicherweise handelt es sich um die absichtliche Abkehr vom großen literarischen Gestus, vielleicht ist es aber auch eine Art Erschöpfung. Denkbar sind auch andere Antworten. Die Abschottung nach außen, die Konzentration auf die Sprache und auf tiefschürfende Befindlichkeitsstudien – die Biedermeierisierung der zeitgenössischen deutschen Literatur – fallen in die Zeit der Dominanz der elektronischen und gedruckten Massenmedien, des PCs und des Internets.

Der Rückzug ins exklusiv Literarische, Subjektive und Introspektive ist vielleicht eine Reaktion darauf: die klassische deutsche idealistische Verweigerung, am trivialen Diwan der Talkshows und Chatrooms teilzunehmen. Die achtziger und neunziger Jahre sind auch die Zeit einer großen nationalen, gleichsam internen Krise der Deutschen – einer Krise im positiven Sinne. Es ist die Zeit des allmählichen Einstürzens der Stacheldraht-DDR, der Explosion der Wiedervereinigung und des damit zusammenhängenden epochalen und existenziellen Bruchs, der Neuorientierung und des Sich-Zurechtfindens für Millionen.

Schatten der Vergangenheit

Aber nicht nur die Zukunft hat die Deutschen eingeholt, sondern ebenso die Vergangenheit. Seit der berühmten TV-Serie "Holocaust" und dem Film "Schindlers Liste" scheint die moderne Generation der Deutschen einen ungeheuren Druck durch die Naziverbrechen zu empfinden. Beispiele dafür sind sowohl das immense Aufsehen, eine Art innerer deutscher Schock, den die Entdeckung der Tagebücher von Viktor Klemperer verursacht haben, oder die Diskussion über die Wehrmachtsausstellung. Auch die TV-Serie über den menschlich unerträglichen Exodus der Deutschen aus dem Baltikum und das neue Buch "Im Krebsgang" von Günter Grass gehören zu einer internen deutschen Katharsis, die womöglich auch mit unserem Thema zu tun hat. Man kann nicht darüber hinwegsehen, dass bei der Frankfurter Buchmesse in den letzten sechs Jahren die wirklich großen, alles überstrahlenden deutschen Bücher zwei Werke waren, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geschrieben wurden. 1996 waren es Viktor Klemperers "Tagebücher 1933-1945" und im Jahr 2000 Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen", das auf die Jahre 1914 bis 1933 zurückblickt.

Im früheren Jugoslawien war in den sechziger Jahren eines der meistgelesenen und -diskutierten Bücher "Die Blechtrommel" von Günter Grass. Das dauerte bis in die siebziger Jahre hinein. Doch an der Wende zu den Achtzigern rückten ganz andere Literaturen in den Mittelpunkt, allen voran die tschechischen Autoren wie Josef Skvorecky, Bohumil Hrabal und Milan Kundera und die südamerikanischen Autoren, angeführt von Jorge Luis Borges und Gabriel Garcia Marquez, und natürlich die russische Literatur, sowohl die schreckliche von Varlam Salamov und Nadezhda Mandelstam als auch die grotesk-fantastische von Vladimir Vojnovic, Michail Bulgakow und Danil Charms.

Zu dieser Zeit wollte ich als Lektor in einem großen Literaturverlag deutsche Autoren vorstellen, die der raffinierten und üppigen Erzählwelt der Fantastiker Borges oder Bulgakow entsprachen. Ich wählte also einen Prosaband von H.C. Artmann, in dem es recht mitteleuropäisch und erotisch-ironisch zugeht, "How much Schatzi", und zwei kurze, sich am Rande des Fantastischen bewegende Romane von Peter Rosei, "Wer war Edgar Allen" und "Von hier nach dort". Doch damit fiel ich auf die Nase – obgleich Artmann damals in der deutschen Literatur bereits ein moderner Klassiker war und Rosei einer der meistbesprochenen jungen Autoren. Das Publikum wollte es nicht.

Großen Erfolg hatte ich allerdings mit nicht-fiktionalen Titeln: Canettis "Masse und Macht", Hans Mayers Buch über Frauen, Homosexuelle und Juden, "Die Außenseiter", Klaus Manns Lebensbericht "Der Wendepunkt" sowie der monumentalen aber streckenweise wirklich schwer zu lesenden Studie über den männlichen Autoritarismus, Militarismus und Faschismus, "Männerphantasien" von Klaus Theweleit. Ich war darauf natürlich sehr stolz. Aber ich würde lügen, wenn ich im Nachhinein behauptete, ich hätte diese Titel übersetzen lassen, weil es die achtziger Jahre in Jugoslawien waren, die Endzeit, und ich das kommende Unheil des militärischen und völkischen Wahns geahnt hätte. Nein, ich hatte sie dem Verlag empfohlen, weil das sehr feine Autoren und brillante, wichtige Bücher waren – ganz einfach, weil ich Germanistik studiert hatte.

Doch diese "Decalages", Ungleichzeitigkeiten und Missverständnisse, sollten keinen verstimmen. So habe ich neulich in der "Frankfurter Rundschau" gelesen, dass es in der jungen polnischen Literatur eine Strömung mit einer starken Referenz an die "Blechtrommel" gibt, obgleich das Buch vor mehr als 40 Jahren erschienen ist. Das hat damit zu tun, dass es in Polen erst nach 1989 möglich wurde, Fragen nach der Umsiedlung von Ostpolen in die nach 1945 leergefegten Städte wie Danzig, Breslau oder Oppeln zu stellen. So hat nun eine junge Autorengeneration die Danziger Bücher von Grass als Quelle zur Hand genommen, um selbst über das Thema zu schreiben. Und das gelingt diesen jungen Polinnen und Polen aufs Vortrefflichste, berichtet die "Frankfurter Rundschau".

Ein noch größeres Wunder ist in Afghanistan geschehen. Noch unter Bomben und der auf Hochtouren laufenden Landkriegskampagne war einer der ersten Wünsche der kaum befreiten Bevölkerung an das Ausland weder Waffenlieferungen noch Wirtschaftshilfe, sondern die möglichst baldige Wiedererrichtung des dortigen deutschen Gymnasiums.

Ich widme diesen Text allerdings nicht Goethe, den dieser Kabuler Wunsch sicherlich sehr gefreut hätte, sondern einem zeitgenössischen deutschen Autor, der hoch über allem steht, was ich heute über die moderne deutsche Literatur vorgetragen habe. Es ist, selbstverständlich, der große Hans Magnus Enzensberger. Der Gegenbeweis.


© Zeitschrift für KulturAustausch 3/2002

 

KulturAustausch 3/2002

ZfK 3/2002
Urbane Welten

Zur Person
Nenad Popovic ist Gründer des Zagreber Verlags Durieux und seit 2001 Generalsekretär des kroatischen P.E.N.-Zentrums. 1999 war er Mitbegründer der Gruppe 99

 

 
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