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EUROPA Die Sehnsucht der Balkanseele Griechenland als Brücke zwischen Ost und West In Griechenland wächst man mit dem Leitbild der Brücke auf: Griechenland als Brücke zwischen Ost und West, die griechische Kultur als die fruchtbare, sich im Gleichgewicht befindliche Synthese zwischen dem Instinkt des Ostens und der Nüchternheit des Westens. Wie kann Griechenland diese Rolle auf dem Balkan einbringen? Von Vassilis Voutsakis Seit dem Fall der kommunistischen Regime in Osteuropa scheint die Balkanhalbinsel sich wieder einer Ära zuzuwenden, die Europa eher vergessen wissen möchte: die Ära der blinden Nationalismen. Alte Leidenschaften werden erweckt, neue kommen fortwährend zum Vorschein. Die frenetische Anerkennung nationaler Identitäten bzw. Gruppenidentitäten schafft die Ordnung der Nachkriegszeit ab und die Instabilität scheint sich in der weiteren Region fest einzunisten. Sind diese Beurteilungen aber wirklich wohlbegründet? Während sich Europa vom Gespenst Sarajevos bedroht fühlt, sehen sich die Alten in Stylis, einer Kleinstadt in Zentralgriechenland, beim Anblick von Iwan, einem 30-jährigen Bulgaren, mit echter Freude und Rührung an Sawwas, seinen Vater, erinnert. Sawwas war ein fleißiger Arbeiter und ein unermüdlicher Genussmensch, der bis 1940 von Bulgarien herunterkam und jedes Jahr mehrere Monate im Olivenhain von Stylis verbrachte. Dieser Olivenwald, der größte Griechenlands, begann im Laufe der achtziger Jahre – unter anderem wegen Mangels an Waldarbeitern – zu verwahrlosen. Heute ist er dank der Söhne jener Bauern griechischer, bulgarischer oder rumänischer Herkunft, die ihn mehrere Jahrzehnte lang gepflegt hatten, zu neuem Leben erwacht. Sind die Aussichten auf dem Balkan also wirklich so düster? Sind unsere Phobien gerechtfertigt? Ja, wenn man an Srebenica oder an Kosovo denkt. Nein, wenn man die Öffnung der Grenzen, das Zusammenwachsen der Bevölkerungen, die Osmose der musikalischen Traditionen, die koordinierten Aktionen der Nichtregierungsorganisationen, den wirtschaftlichen Austausch oder die wissenschaftlichen Kontakte betrachtet. Wäre es demnach also nicht treffender, von einem Widerspruch, von einer für die Denkweisen der Balkanvölker typischen Ambivalenz zu sprechen? Von einem Widerspruch – oder, vielleicht noch besser, von einer Herausforderung, von einer seltsamen Chance? Denn das ist die eigentliche Frage: Wie könnte die missklingende Musik des Balkans zu einem lebendigen, reichen Fest hinführen, das seine Anregungen aus existierenden doch verborgenen Strömungen schöpft? Alltägliche, schmerzhafte Vergewisserung In Griechenland wächst man mit dem Leitbild der Brücke auf: Griechenland als Brücke zwischen Ost und West, die griechische Kultur als die fruchtbare, sich im Gleichgewicht befindende Synthese des Ostens der Instinkte und des Westens der Nüchternheit. Hatte nicht Nikos Kazantzakis behauptet, dass Aphrodite die düstere Astarte des Ostens vermenschlicht habe? Die Grundidee ist, dass am südlichsten Rand der Balkanhalbinsel die Harmonisierung zwischen dem Fatalismus und dem Mystizismus einerseits sowie dem Individualismus und der kalkulierenden Vernunft andererseits stattgefunden hat. Diese Konstruktion lässt sich heftig kritisieren: Zu Recht hat man ihr Schematismus und – für die Selbsterkenntnis der Griechen gefährlich – Narzissmus vorgeworfen. Jedoch stellt sich die Frage, ob sie irgendeinen Wert hat – vor allem heute, zu einer Zeit, in der Europa seine eigene politische Identität herausbildet und nach Wegen zur Erweiterung nach Osten sucht. Was kann also heute bedeuten, dass Griechenland die Brücke zwischen Ost und West ist? Zum einen stellt sich die Frage, in welchem Sinne Griechenland überhaupt eine Brücke ist, zum anderen, zwischen welchen beiden Polen es als Brücke fungiert. Was ist, genauer betrachtet, heute der "Ost" und was der "West"? Griechenland ist der einzige Staat des Balkans, der der Europäischen Union angehört. Der einzige Staat, der, nach großer und mühsamer Anstrengung, ein geregeltes demokratisches Leben hat. Der einzige Staat, in welchem die Demokratie, der Rechtstaat, der Sozialstaat, die Marktwirtschaft – die Elemente, die das sogenannte europäische soziale Modell konstituieren – in der Praxis erprobt worden sind und, trotz Verzögerungen und struktureller Probleme jedweder Art, in befriedigender Weise funktionieren. Und darüber hinaus: Griechenland ist der einzige Staat, in dem die Konsolidierung der Demokratie Forderung der überwältigenden Mehrheit der Bürger ist, eine Forderung, die als realistische Utopie funktioniert, das heißt die konkrete politische Praxis inspirieren und bestimmen kann. Schließlich ist dies die Botschaft vom Erfolg des Unterfangens der Modernisierung. In diese Richtung gehen nun auch die neuen Demokratien. Jedoch mit Verzögerungen, mit Problemen, mit Rückfällen. Der Katalog ist umfangreich: von Korruption bis zur Unwissenheit über Marktmechanismen, von Armut bis zur Kriminalität. Ich möchte mich aber auf einen anderen Aspekt konzentrieren: die alltägliche, aber schmerzhafte Vergewisserung, dass die Demokratie eine anspruchsvolle Regierungsform ist. Die Demokratie setzt außer der formellen die effektive Geltung von Regeln und Prinzipien voraus. Natürlich sollte die Bedeutung der Existenz von Regeln und Institutionen keinesfalls unterschätzt werden – vor allem in Ländern wie jenen des Balkans mit schwacher demokratischer Tradition. Trotzdem werden die Regeln tatsächlich angewandt, und die Institutionen funktionieren nur in dem Maße, in dem sie gefestigt und durch die tägliche Praxis geprägt werden. Mit anderen Worten: in dem Maße, in dem das Ethos, die Werte, die Kultur der modernen Demokratie lebendige Praxis werden. Dieser Aspekt ist von großer Bedeutung: Die Modernisierung der politischen Kultur der neuen Demokratien tritt als entscheidender Faktor der Modernisierung an sich hervor. Jedoch ist es aus mindestens drei Gründen sehr schwierig, die politische Kultur einer Gesellschaft zu verändern, geschweige denn sie zu modernisieren. Erstens, weil sich die politische Kultur als Bestandteil der allgemeinen Kultur – glücklicherweise! – nicht leicht vom Staat diktieren lässt. Zweitens, weil – wie schon bemerkt – die Balkanstaaten einer demokratischen Tradition entbehren, und drittens, weil die Verhältnisse auf dem Balkan zum einen und jeder bestimmten Gesellschaft zum anderen zu spezifisch sind. In dieser Hinsicht könnte sich Griechenland als sehr nützlich erweisen. Griechenland ist in der Lage, den anderen Balkanländern zu helfen, den Weg der sozialen und politischen Modernisierung noch entschiedener zu verfolgen, und es könnte aus drei Gründen als Brücke zwischen Ost und West fungieren: Erstens hat es erst kürzlich die Schwierigkeiten der modernen Demokratie gemeistert, und zweitens ist die Denkweise der Griechen trotz einiger kultureller, sozialer und politischer Unterschiede derjenigen der Bulgaren oder Rumänen recht nahe. Drittens schließlich ist die Konsolidierung der Demokratie nur durch die Implementierung ihrer politischen und gesetzlichen Regeln erreichbar. Wenn also Griechenland heute als Brücke zwischen Ost und West fungieren kann, dann weil es ein europäischer Staat ist, und ein Staat, dessen Anstrengungen zur Modernisierung der Gesellschaft echte Chancen haben. Wie kann aber Griechenland seine Aufgabe als Brücke zwischen der politischen Modernität und den neugeborenen Demokratien erfüllen? Anders formuliert: Wie sollte man sich heute die Idee der Brücke vorstellen? Hier erweist sich ein kurzer Rückblick in die Vergangenheit als nützlich. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts übten die griechische Kultur und die griechische Sprache großen Einfluss auf die gesamte Halbinsel aus. In gewissem Maße haben die griechische Sprache und die Kultur der Antike als Kanal der Ideen und der Ideale der Aufklärung auf dem Balkan gedient. Dieser Einfluss hat jedoch nur zum Teil die Erweckung bzw. die Herstellung nationalen Gewissens anderer Völker bewirkt, zum anderen Teil war er der Versuch des griechischen Staates, ihn als Mittel seiner politischen Hegemonie im Sinne seiner eigenen Nationalideologie auszunutzen. In dieser Weise lässt sich die Ambivalenz in der Haltung der Rumänen, Bulgaren, Serben und Albaner der griechischen Kultur gegenüber erklären. Die Lehre aus diesem Rückblick ist eindeutig. Lehren aus der Vergangenheit Die neue Rolle, die Griechenland im Balkan zu spielen vermag, setzt eine bestimmte Auffassung über die internationalen Beziehungen voraus, dass nämlich Griechenland ohne Absicht auf Hegemonie oder Vormundschaft im Balkan agiert. Erfolgreich die Aufgabe der Brücke zwischen den westlichen und den Balkangesellschaften zu erfüllen, setzt also eher die Rolle des Helfers und Begleiters voraus als jene des Protagonisten. Mit anderen Worten, Griechenlands Aufgabe ist die der Ermunterung und der Bestärkung und auf keinen Fall die des direkten oder indirekten Erzwingens, um den Gesellschaften der Balkanstaaten zu ihrem eigenen Weg zur Konsolidierung ihrer Demokratie zu verhelfen. Die Außenpolitik Griechenlands beruht auf zwei festen Grundprinzipien: dem Prinzip der Respektierung des internationalen Rechts, was die Ablehnung von Gewalt als Mittel zur Lösung internationaler Probleme beinhaltet, und dem Prinzip der Respektierung der Menschenrechte. Im Rahmen dieser Prinzipien lassen sich die politischen Ziele Griechenlands auf dem Balkan wie folgt zusammenfassen: Auch die Kultur im engeren Sinne, also Kunst und Literatur, können zur sozialen Modernisierung der Balkanstaaten beitragen. Dazu gehören kulturelle Austauschprogramme genauso wie Lesungen, Ausstellungen und Konzerte, die Vergabe von Stipendien, gemeinsame Forschungsprogramme, Fremdsprachenunterricht, das Herausgeben von Büchern, Koproduktionen oder die Organisation regelmäßiger Künstlertreffen. Initiativen dieser Art tragen zur Bereicherung der jeweiligen kulturellen Traditionen und zur Verfestigung einer Kultur der Toleranz und der Polyphonie bei. Zu behaupten, dass unsere Gesellschaften, die aus Menschen und nicht aus engelhaften Weltbürgern zusammengesetzt sind, diesen Idealen auch nur nahe kommen, wäre höchst unrealistisch. Dennoch steht es außer Zweifel, dass der Balkan noch mehr Barbarei nicht ertragen kann. Der Weg zu einer Kultur der Toleranz und der Polyphonie ist ohne Alternative. Er ist der einzige Weg, das explosive, schöpferische Fest, nach dem sich unsere Balkanseele sehnt, zu erleben.
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